Veränderung, die  wirkt 

ontovision im Praxistest: Wie gut schneidet eine KI unser B‑Roll-Material?

KI-Tools, die aus rohem Videomaterial auto­ma­tisch fertige Schnitte bauen, gibt es inzwi­schen einige. Wir woll­ten wissen, wie weit die Technologie wirk­lich schon ist, und haben deshalb gemein­sam mit Gradi Mayassi Lomamie von GML Digital das Tool OntoVision von Ontoworks auspro­biert. Grundlage für den Test war echtes Rohmaterial aus einem unse­rer eige­nen Interview-Drehs.



Was OntoVision verspricht

OntoVision beschreibt sich selbst als KI-gestützte Video-Postproduktion, die aus Stunden von Rohmaterial in weni­gen Minuten marken­kon­forme Storyboards und schnitt­fer­tige Rohschnitte macht. Das Münchner Startup Ontoworks posi­tio­niert das Tool damit klar als spezia­li­sierte Produktionsinfrastruktur für profes­sio­nelle Medien-Workflows und nicht als gene­ri­sches Consumer-Tool. Konkret wirbt das Tool mit folgen­den Funktionen:

KI-gestützte Analyse: auto­ma­ti­sche Erkennung und Verschlagwortung von Personen, Orten, Aktionen und Branding-Elementen
Intelligentes Storyboarding: KI-gene­rierte Storyboards nach Marken- und Botschaftsvorgaben
Automatische Rohschnitte: aus Stunden Material werden fertige Rohschnitte
Storywizard: ein Frage-Antwort-Prozess zu Botschaft, Zielgruppe und Stil führt zum passen­den Ergebnis
Markenkonsistenz: die KI orien­tiert sich am indi­vi­du­el­len Corporate Style
Nahtloser Export: direkt nach Premiere Pro, DaVinci Resolve oder Final Cut Pro

Das Tool befin­det sich aktu­ell in der offe­nen Beta-Phase, entwi­ckelt sich dabei aber sicht­bar dyna­misch weiter, wie der Test noch zeigen wird.


Überblick: So funktioniert die Bedienung


Auf der Seite „How It Works” beschreibt Ontoworks den Ablauf als vier­stu­fige Pipeline, die unsor­tier­tes Rohmaterial in einen ferti­gen, marken­kon­for­men Rohschnitt verwan­delt:

1. Projekt anle­gen und Material auswäh­len: Ein neues Projekt wird erstellt und die passen­den Video-Assets werden ausge­wählt.
2. Storyline entwer­fen: Ein erster grober Entwurf der Geschichte gibt die Richtung für die weitere Produktion vor.
3. Screenplay erstel­len: Daraus gene­riert die KI ein detail­lier­tes Screenplay, das Erzählstruktur und Timing fest­legt.
4. Finalen Rohschnitt gene­rie­ren: Am Ende steht ein export­fer­ti­ger Rohschnitt zur weite­ren Bearbeitung.

Laut Anbieter dauert der gesamte Prozess von der Analyse bis zum ferti­gen Rohschnitt ca. 15 Minuten, ein beein­dru­ckend kurzer Zeitraum ange­sichts der Materialmengen, die dabei verar­bei­tet werden.

Dahinter stehen laut Ontoworks drei tech­nisch ausge­reifte Kernbausteine:

Asset-Analyse: Das gesamte Footage wird Bild für Bild und Ton für Ton ausge­wer­tet. Eine Kombination aus Computer Vision, Spracherkennung (ASR) und multi­mo­da­len LLMs erstellt daraus eine seman­ti­sche Datenbank. Szenen lassen sich anschlie­ßend gezielt nach Personen, Orten, Handlung, Motiv oder Stimmung durch­su­chen, auch über mehrere Kamerawinkel und Stunden an Material hinweg.

Story-Entwicklung: Auf Basis eines kurzen Briefings, etwa „90-Sekunden-Zusammenfassung” oder „3‑minütiger Kampagnenfilm”, entwirft die KI eine Storyline, die sich an Zielgruppe, Corporate Design und redak­tio­nel­len Vorgaben orien­tiert. Länge, Struktur und Plattformregeln werden dabei bereits im ersten Entwurf berück­sich­tigt.

Rohschnitt-Generierung: Die stärks­ten Momente werden ausge­wählt und zu einer zusam­men­hän­gen­den, editier­ba­ren Sequenz zusam­men­ge­setzt. Es entste­hen mehrere narra­tive Varianten für unter­schied­li­che Formate, jeweils als voll­stän­dig editier­bare Timeline. Die krea­tive Kontrolle über Tempo, Ton und Feinschliff bleibt dabei ausdrück­lich beim Editor, ein Ansatz, der OntoVision klar als unter­stüt­zen­des statt erset­zen­des Werkzeug posi­tio­niert.

Dieser Ablauf deckt sich weit­ge­hend mit dem, was Gradi im Test durch­lau­fen hat: Footage hoch­la­den und auswäh­len, per Wizard eine Story-Richtung und einen Prompt vorge­ben, das auto­ma­tisch erzeugte Screenplay prüfen und daraus den Rohschnitt gene­rie­ren lassen.


Wie der Kontakt entstand

Kevin Berdux (Ontoworks) auf den Münchner Medientagen AI Special in diesem Jahr. Die beiden verstan­den sich auf Anhieb gut, und Hennings Interesse an dem Tool war sofort geweckt, der Praxistest mit Gradi war die logi­sche Folge dieses Austauschs.

Der Test: einfa­ches B‑Roll statt komple­xer Story

Damit der Test über­schau­bar bleibt, hat Gradi bewusst nicht das komplette Interviewmaterial hoch­ge­la­den, sondern eine vorbe­rei­tete Datei mit reinen B‑Roll-Zwischenszenen, also den Aufnahmen von Räumen, Eingangsbereichen und Umgebungen, die sonst als Auflockerung zwischen den Interviewschnitten dienen. Über die inte­grierte Footage Library lässt sich ein langes Video hoch­la­den, das die KI auto­ma­tisch in einzelne Clips zerlegt, eine Funktion, die im Test zuver­läs­sig gut funk­tio­nierte.

Der weitere Ablauf ist klar geführt: Footage auswäh­len, per Wizard eine Story-Richtung vorge­ben (z. B. „B‑Roll, schnel­ler Schnitt”), einen kurzen Text-Prompt zur gewünsch­ten Länge und zum Stil einge­ben, und die KI erstellt daraus auto­ma­tisch ein „Screenplay” inklu­sive erstem Rohschnitt. Diese Schritt-für-Schritt-Führung kam im Gespräch posi­tiv an: Auch ohne tiefere Tool-Erfahrung findet man sich schnell zurecht, ein klares Plus für die Alltagstauglichkeit von onto­vi­sion.


Was gut funktioniert hat

Szenenauswahl: Die KI filterte aus dem Rohmaterial über­wie­gend ruhige, nicht verwa­ckelte Sequenzen heraus, also genau die Art von „saube­ren” Aufnahmen, die man auch manu­ell für einen Schnitt auswäh­len würde. Von rund fünf bis zwölf Minuten Ausgangsmaterial blie­ben am Ende über­wie­gend brauch­bare Szenen übrig.

- Iteratives Anpassen: Über den Prompt ließ sich das Schnitttempo nach­träg­lich flexi­bel verän­dern. Eine erste Version mit sehr weni­gen, langen Einstellungen wurde auf Wunsch zu einem deut­lich flot­te­ren Schnitt umge­baut.

- Geführter Prozess: Der Wizard mit klaren Zwischenschritten (Footage auswäh­len, Story-Richtung vorge­ben, Prompt verfei­nern, Screenplay erzeu­gen) wurde als verständ­lich und alltags­taug­lich beschrie­ben.

- Support: Auch während des laufen­den Tests bekam Gradi bei aufkom­men­den Problemen schnell und unkom­pli­ziert Unterstützung direkt vom OntoVision Team, ein Austausch, der spür­bar spon­tan, persön­lich und unbü­ro­kra­tisch ablief.


Wo es noch hakt

Ganz rund lief noch nicht alles. Ein paar Szenen, etwa die Außenansicht des Eingangs, tauch­ten im ferti­gen Schnitt mehr­fach und in unter­schied­li­chen Kamerabewegungen auf, obwohl aus Sicht der Videoproduktion nur eine Perspektive sinn­voll gewe­sen wäre. Warum die KI hier mehr­fach auf dieselbe Location zurück­griff, ließ sich im Test nicht abschlie­ßend nach­voll­zie­hen. Auch die Übersicht im Screenplay bildete die tatsäch­li­che Szenenreihenfolge nicht immer korrekt ab, eher ein klei­ner Anzeigefehler als ein inhalt­li­ches Problem.

Ein weite­rer Punkt: Aktuell expor­tiert OntoVision noch nicht im Original-Frameratenformat, sodass typi­sche Zeitlupen-Techniken (bei aaroon werden B‑Roll-Szenen bewusst mit höhe­rer Framerate gefilmt, um sie im Schnitt zu verlang­sa­men) im Nachgang noch nicht direkt umsetz­bar sind. Laut Aussage des OntoVision-Teams ist diese Funktion aber bereits in Vorbereitung, ein Hinweis darauf, wie aktiv das Produkt weiter­ent­wi­ckelt wird.


Einordnung: für wen ist das Tool schon jetzt interessant?

Aus Sicht der profes­sio­nel­len Videoproduktion, bei der jede Einstellung, jede Kamerabewegung und jedes Sekundenfenster bewusst ausge­wählt wird, ist OntoVision aktu­ell noch kein Ersatz für den fina­len Feinschnitt. Für konkrete Kundenprojekte mit hohem Qualitätsanspruch ist der Reifegrad des Tools noch früh, was ange­sichts der offe­nen Beta-Phase kaum über­rascht.

Sehr gut vorstell­bar ist der Einsatz dage­gen für alle, die viel filmen, aber selbst nicht schnei­den können oder wollen, etwa Unternehmen ohne eigene Videoabteilung, die aus inter­nen Aufnahmen (z. B. von der Produktion oder aus dem Arbeitsalltag) schnell einen ansehn­li­chen ersten Zusammenschnitt erzeu­gen möch­ten. Genau dafür posi­tio­niert sich OntoVision auch selbst: als KI-gestützte Vorstufe für Marketingteams, die aus Rohmaterial marken­kon­forme Storyboards und expor­tier­bare Rohschnitte erzeu­gen wollen, bevor der Feinschnitt beginnt. Ontoworks kombi­niert dabei nach eige­nen Angaben multi­mo­dale Analyse, seman­ti­sches Verständnis von Bild und Ton sowie eine direkte Integration in gängige Schnittsysteme, ein tech­nisch anspruchs­vol­ler Ansatz, der das Tool von einfa­che­ren Auto-Editing-Lösungen abhebt.


Fazit

OntoVision nimmt schon jetzt spür­bar Vorarbeit ab, vor allem beim Sichten und Vorsortieren großer Materialmengen. Für den profes­sio­nel­len Feinschliff, wie wir ihn bei aaroon für unsere Kundenprojekte liefern, ist es (noch) kein Ersatz, aber ein bereits jetzt beein­dru­ckend leis­tungs­fä­hi­ges Werkzeug, das sich in einer akti­ven Beta-Phase sicht­bar und zügig weiter­ent­wi­ckelt. Wir blei­ben gespannt, wie sich das Tool in den kommen­den Monaten weiter­ent­wi­ckelt.


Wer hat den Test gemacht?

Gradi Mayassi Lomamie ist Gründer von GML Digital, einer Agentur, die IT-Unternehmen dabei unter­stützt, plan­bar neue Kunden zu gewin­nen, von der Zielgruppendefinition über die Ansprache von Entscheidern bis zur direk­ten Terminbuchung im Kalender der Kunden. Bei aaroon kennen wir Gradi aber noch aus einer weite­ren Rolle: Er hat für uns die Testimonial-Videos auf aaroon.de gedreht und geschnit­ten. Sein Blick auf OntoVision kommt also nicht nur aus der Marketing‑, sondern expli­zit auch aus der Videoproduktions-Praxis, ein Grund mehr, warum uns seine Einschätzung zu diesem Tool beson­ders inter­es­siert hat.


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