Überblick: So funktioniert die Bedienung
Auf der Seite „How It Works” beschreibt Ontoworks den Ablauf als vierstufige Pipeline, die unsortiertes Rohmaterial in einen fertigen, markenkonformen Rohschnitt verwandelt:
1. Projekt anlegen und Material auswählen: Ein neues Projekt wird erstellt und die passenden Video-Assets werden ausgewählt.
2. Storyline entwerfen: Ein erster grober Entwurf der Geschichte gibt die Richtung für die weitere Produktion vor.
3. Screenplay erstellen: Daraus generiert die KI ein detailliertes Screenplay, das Erzählstruktur und Timing festlegt.
4. Finalen Rohschnitt generieren: Am Ende steht ein exportfertiger Rohschnitt zur weiteren Bearbeitung.
Laut Anbieter dauert der gesamte Prozess von der Analyse bis zum fertigen Rohschnitt ca. 15 Minuten, ein beeindruckend kurzer Zeitraum angesichts der Materialmengen, die dabei verarbeitet werden.
Dahinter stehen laut Ontoworks drei technisch ausgereifte Kernbausteine:
Asset-Analyse: Das gesamte Footage wird Bild für Bild und Ton für Ton ausgewertet. Eine Kombination aus Computer Vision, Spracherkennung (ASR) und multimodalen LLMs erstellt daraus eine semantische Datenbank. Szenen lassen sich anschließend gezielt nach Personen, Orten, Handlung, Motiv oder Stimmung durchsuchen, auch über mehrere Kamerawinkel und Stunden an Material hinweg.
Story-Entwicklung: Auf Basis eines kurzen Briefings, etwa „90-Sekunden-Zusammenfassung” oder „3‑minütiger Kampagnenfilm”, entwirft die KI eine Storyline, die sich an Zielgruppe, Corporate Design und redaktionellen Vorgaben orientiert. Länge, Struktur und Plattformregeln werden dabei bereits im ersten Entwurf berücksichtigt.
Rohschnitt-Generierung: Die stärksten Momente werden ausgewählt und zu einer zusammenhängenden, editierbaren Sequenz zusammengesetzt. Es entstehen mehrere narrative Varianten für unterschiedliche Formate, jeweils als vollständig editierbare Timeline. Die kreative Kontrolle über Tempo, Ton und Feinschliff bleibt dabei ausdrücklich beim Editor, ein Ansatz, der OntoVision klar als unterstützendes statt ersetzendes Werkzeug positioniert.
Dieser Ablauf deckt sich weitgehend mit dem, was Gradi im Test durchlaufen hat: Footage hochladen und auswählen, per Wizard eine Story-Richtung und einen Prompt vorgeben, das automatisch erzeugte Screenplay prüfen und daraus den Rohschnitt generieren lassen.
Wie der Kontakt entstand
Kevin Berdux (Ontoworks) auf den Münchner Medientagen AI Special in diesem Jahr. Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut, und Hennings Interesse an dem Tool war sofort geweckt, der Praxistest mit Gradi war die logische Folge dieses Austauschs.
Der Test: einfaches B‑Roll statt komplexer Story
Damit der Test überschaubar bleibt, hat Gradi bewusst nicht das komplette Interviewmaterial hochgeladen, sondern eine vorbereitete Datei mit reinen B‑Roll-Zwischenszenen, also den Aufnahmen von Räumen, Eingangsbereichen und Umgebungen, die sonst als Auflockerung zwischen den Interviewschnitten dienen. Über die integrierte Footage Library lässt sich ein langes Video hochladen, das die KI automatisch in einzelne Clips zerlegt, eine Funktion, die im Test zuverlässig gut funktionierte.
Der weitere Ablauf ist klar geführt: Footage auswählen, per Wizard eine Story-Richtung vorgeben (z. B. „B‑Roll, schneller Schnitt”), einen kurzen Text-Prompt zur gewünschten Länge und zum Stil eingeben, und die KI erstellt daraus automatisch ein „Screenplay” inklusive erstem Rohschnitt. Diese Schritt-für-Schritt-Führung kam im Gespräch positiv an: Auch ohne tiefere Tool-Erfahrung findet man sich schnell zurecht, ein klares Plus für die Alltagstauglichkeit von ontovision.
Was gut funktioniert hat
Szenenauswahl: Die KI filterte aus dem Rohmaterial überwiegend ruhige, nicht verwackelte Sequenzen heraus, also genau die Art von „sauberen” Aufnahmen, die man auch manuell für einen Schnitt auswählen würde. Von rund fünf bis zwölf Minuten Ausgangsmaterial blieben am Ende überwiegend brauchbare Szenen übrig.
- Iteratives Anpassen: Über den Prompt ließ sich das Schnitttempo nachträglich flexibel verändern. Eine erste Version mit sehr wenigen, langen Einstellungen wurde auf Wunsch zu einem deutlich flotteren Schnitt umgebaut.
- Geführter Prozess: Der Wizard mit klaren Zwischenschritten (Footage auswählen, Story-Richtung vorgeben, Prompt verfeinern, Screenplay erzeugen) wurde als verständlich und alltagstauglich beschrieben.
- Support: Auch während des laufenden Tests bekam Gradi bei aufkommenden Problemen schnell und unkompliziert Unterstützung direkt vom OntoVision Team, ein Austausch, der spürbar spontan, persönlich und unbürokratisch ablief.
Wo es noch hakt
Ganz rund lief noch nicht alles. Ein paar Szenen, etwa die Außenansicht des Eingangs, tauchten im fertigen Schnitt mehrfach und in unterschiedlichen Kamerabewegungen auf, obwohl aus Sicht der Videoproduktion nur eine Perspektive sinnvoll gewesen wäre. Warum die KI hier mehrfach auf dieselbe Location zurückgriff, ließ sich im Test nicht abschließend nachvollziehen. Auch die Übersicht im Screenplay bildete die tatsächliche Szenenreihenfolge nicht immer korrekt ab, eher ein kleiner Anzeigefehler als ein inhaltliches Problem.
Ein weiterer Punkt: Aktuell exportiert OntoVision noch nicht im Original-Frameratenformat, sodass typische Zeitlupen-Techniken (bei aaroon werden B‑Roll-Szenen bewusst mit höherer Framerate gefilmt, um sie im Schnitt zu verlangsamen) im Nachgang noch nicht direkt umsetzbar sind. Laut Aussage des OntoVision-Teams ist diese Funktion aber bereits in Vorbereitung, ein Hinweis darauf, wie aktiv das Produkt weiterentwickelt wird.
Einordnung: für wen ist das Tool schon jetzt interessant?
Aus Sicht der professionellen Videoproduktion, bei der jede Einstellung, jede Kamerabewegung und jedes Sekundenfenster bewusst ausgewählt wird, ist OntoVision aktuell noch kein Ersatz für den finalen Feinschnitt. Für konkrete Kundenprojekte mit hohem Qualitätsanspruch ist der Reifegrad des Tools noch früh, was angesichts der offenen Beta-Phase kaum überrascht.
Sehr gut vorstellbar ist der Einsatz dagegen für alle, die viel filmen, aber selbst nicht schneiden können oder wollen, etwa Unternehmen ohne eigene Videoabteilung, die aus internen Aufnahmen (z. B. von der Produktion oder aus dem Arbeitsalltag) schnell einen ansehnlichen ersten Zusammenschnitt erzeugen möchten. Genau dafür positioniert sich OntoVision auch selbst: als KI-gestützte Vorstufe für Marketingteams, die aus Rohmaterial markenkonforme Storyboards und exportierbare Rohschnitte erzeugen wollen, bevor der Feinschnitt beginnt. Ontoworks kombiniert dabei nach eigenen Angaben multimodale Analyse, semantisches Verständnis von Bild und Ton sowie eine direkte Integration in gängige Schnittsysteme, ein technisch anspruchsvoller Ansatz, der das Tool von einfacheren Auto-Editing-Lösungen abhebt.
Fazit
OntoVision nimmt schon jetzt spürbar Vorarbeit ab, vor allem beim Sichten und Vorsortieren großer Materialmengen. Für den professionellen Feinschliff, wie wir ihn bei aaroon für unsere Kundenprojekte liefern, ist es (noch) kein Ersatz, aber ein bereits jetzt beeindruckend leistungsfähiges Werkzeug, das sich in einer aktiven Beta-Phase sichtbar und zügig weiterentwickelt. Wir bleiben gespannt, wie sich das Tool in den kommenden Monaten weiterentwickelt.