
Kostenlose, quelloffene KI-generierte Software-Kopien von Photoshop, Word und weiteren Programmen sorgen für Diskussionen. Ein erster Test von heise zeigt allerdings Grenzen auf. Wir ordnen ein, was das für Ihre Software-Landschaft bedeutet.
Was bedeutet das konkret?
Für produktive Umgebungen ändert sich heute noch nichts. Die vorliegenden Quellen belegen, dass es die Nachbauten gibt und wie sie entstanden sind. Sie belegen nicht, dass sie die Originale im Redaktions- oder Büroalltag ersetzen können.
- Funktionslücken: Im Test von heise enttäuschten PhotoCraft und LightCraft bei der Rohdatenverarbeitung. SoundCraft konnte externe Erweiterungen nicht laden.
- Integration offen: Wer Software in automatisierte Abläufe einbindet, braucht Erweiterbarkeit und Schnittstellen. Ob die Nachbauten das leisten, geht aus den Quellen nicht hervor.
- Rechtliche Fragen offen: Ob Analyse und Programmierung beim selbst erklärten Clean-Room-Ansatz tatsächlich getrennt wurden, lässt sich laut heise nicht nachprüfen (mehr dazu unten). Eine rechtliche Bewertung enthalten die ausgewerteten Berichte nicht.
- Marktsignal: Das Projekt zeigt, wie schnell sich mit KI-Werkzeugen lauffähige Programme erzeugen lassen. Nach Darstellung von heise setzen Vibe-Coding-Werkzeuge bereits klassische Vertriebsstrukturen von Software-as-a-Service unter Druck (Stichwort »SaaSpokalypse«).
KI-generierte Software-Kopien: Was wir über ArtCraft wissen
Hinter dem Projekt ArtCraft steht der US-Entwickler Brandon Thomas aus Atlanta. Anfang Oktober 2026 erklärte er im Online-Forum Hacker News, »Software is over«. Dazu veröffentlichte er KI-generierte Nachbauten der Adobe-Programme Photoshop, Lightroom, Illustrator, Premiere und InDesign, laut t3n gratis und als Open Source.
Später kamen Nachbauten von Word, Excel und PowerPoint sowie von AutoCAD und Pro Tools hinzu. Laut t3n gibt es Versionen für Windows, Linux und macOS. Laut heise ist der Quellcode einsehbar, und die Programme lassen sich als native Anwendungen herunterladen.
Laut heise gab Thomas’ Ärger über Adobes Abo-Modell den Anstoß. Laut Projektangaben brauchte Thomas für die ersten sieben Programme rund zehn Tage, maßgeblich unterstützt von Anthropics KI-Umgebung Claude. Laut t3n kamen Anthropics Opus-Modelle zum Einsatz; nach eigenen Angaben, die heise wiedergibt, nutzte Thomas Claude Opus 5.5.
Das Projekt selbst spricht von Clean-Room-Neuimplementierungen, geschrieben in der Programmiersprache Rust. Gemeint ist ein Verfahren, bei dem kein geschützter Code der Vorbilder übernommen und das Original nicht dekompiliert wird. Nach eigener Darstellung wertete Thomas mithilfe von Claude Oberflächen und Funktionsumfang der Vorbilder aus und entwickelte daraus eigenen Code, der deren Verhalten nachbildet. Ob Analyse und Programmierung tatsächlich getrennt abliefen, lässt sich laut heise nicht überprüfen.
Beide Quellen sind nur teilweise frei lesbar. Zur Alltagstauglichkeit über die genannten Testergebnisse hinaus können wir deshalb keine belastbaren Aussagen treffen.
Unsere Empfehlung
Behandeln Sie die Nachbauten, bis eine Bewertung vorliegt, als interessantes Experiment und nicht als Migrationsziel. Wer sie bewerten will, sollte das getrennt von produktiven Systemen tun, zum Beispiel in einer Testumgebung mit Kopien nicht kritischer Dateien.
- Funktionstiefe prüfen: Reichen Dateiformate, Schriften, Farbverarbeitung und Rohdaten-Unterstützung für Ihre Aufgaben?
- Schnittstellen klären: Lassen sich Erweiterungen, Skripte oder Automatisierungen anbinden? Die Probleme von SoundCraft mit externen Erweiterungen sind hier ein Warnzeichen.
- Recht und Compliance einbeziehen: Lassen Sie Lizenz- und Urheberrechtsfragen prüfen, bevor solche Software in Ihrem Unternehmen läuft.
- Betrieb bedenken: Wer pflegt den Code, wer liefert Updates, wer haftet bei Fehlern? Dazu liefern die Quellen keine Angaben.
Unabhängig davon lohnt der Blick auf die eigene Lizenz- und Toolstrategie: Welche Anwendungen sind wirklich geschäftskritisch, und wo liegt der Wert eher in der Integration als im Einzelprogramm? Die Zeit bis zur Marktreife solcher Alternativen ist heute nicht absehbar. Wer seine Prozesse sauber dokumentiert hat, bleibt für jede Entwicklung flexibel.
So unterstützt aaroon
Wir sehen uns derzeit die Tools von ArtCraft an, um Möglichkeiten und Potenzial auszuloten.
Wenn Sie KI-Werkzeuge in bestehende Redaktions- und Produktionsabläufe einbinden möchten, finden Sie bei ao.Services unsere Lösungen.
Quellen
- Artcraft: Wie KI die Software-Welt von Adobe und Microsoft angreift, t3n (Kim Rixecker), 15.10.2026: https://t3n.de/news/das-ende-von-photoshop-word-co-so-schlagen-sich-ki-generierte-software-kopien-wirklich-1767815/
- Vermeintliche Adobe-Alternativen im Test: Was die »Crafting Apps« leisten (heise+), heise online, 13.10.2026: https://www.heise.de/hintergrund/Vermeintliche-Adobe-Alternativen-im-Test-Was-die-Crafting-Apps-leisten-11485961.html